Beim Lesenlernen helfen keine Kernspinuntersuchungen

Statt Geld in den Anfangsunterricht zu investieren, damit alle Kinder einen gelungenen Zugang zur Schriftsprache bekommen, ist es für die Presse und wohl auch die Politik viel spannender, über teure exotische Experimente von Hirnforschern  zu berichten, um zu zeigen, dass auch indische Analphabetinnen lesen lernen können.Lesenlernen braucht keine Hirnscans und ist auch nicht mit visuellem Training zu lösen, wie die FAZ am 21.6.17 ihren Lesern anpreist (faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/studie-ueber-analphabetismus-hilft-visuelles-training-15068206) Die Tatsache, dass bei uns immer noch viel zu viele Menschen nicht erfolgreich lesen und schreiben lernen, liegt aber an der fehlenden Wertschätzung des schulischen Anfangsunterrichts und seiner finanziellen und zeitlichen Ausstattung. Und immer noch fehlen vielerorts “Lehrkräfte, die über die sprachwissenschaftlichen Grundlagen, methodisch-didaktisches Know-how und das notwendige Maß an Verständnis, Zeit, Geduld und Liebe für das einzelne Kind verfügen”.(Naegele 2017,S.52).

Eltern passt auf!

Es ist eine Schande, dass es in der neuerlichen Diskussion um fehlende Lehrkräfte in den Grundschulen nur um Zahlen und um voraussichtlich steigende finanzielle Belastungen der Länderministerien geht, nicht aber um die dringend notwendige Verbesserung der schuischen Infrastruktur sowie die Qualifizierung der in den Grundschulen tätigen Lehrkräfte. Allein die Idee, Gymnasiall- und Hauptschulehrkräfte oder gar Quereinsteiger für fit zu halten, Kindern den Einstieg in die Grundlagen des Lernens zu gewährleisten, ist pervers. Da langt auch nicht ein Kurzkurs! Bereits jetzt versagen viel zu viele Kinder, weil unser deutsches Schulsystem nicht in der Lage ist, den Anfangsunterricht in der Grundschule, also das Fundament der Bildung, inhaltlich und personell so zu verbessern, dass alle Kinder einen positiven Zugang erhalten. Eltern müssen wachsam sein und sich für die Verbesserung der Situation ihrer Kinder engagieren. Jetzt vor der Bundestagswahl ist ein guter Zeitpunkt, sich laut für einen verbesserten Anfangsunterricht einzusetzen!

Leseschwäche ist kein genetischer, sondern gesellschaftlicher Defekt

Presseerklärung der LegaKIds-Stiftung zum Weltkindertag der Vereinten Nationen

– Wer nicht oder nur schlecht lesen kann, bleibt in unserer Gesellschaft vom Leben weitgehend ausgeschlossen. Alle Arten an Informationen werden schriftlich vermittelt – Wissen ebenso wie Unterhaltsames, die Inhaltsstoffe auf Lebensmittelverpackungen oder die Nebenwirkungen von Medikamenten auf Beipackzetteln. Deshalb ist es unumgänglich, dass Kinder, die sich mit dem Lesen und Schreiben schwer tun, gefördert werden. „Wenn aber Kinder, die sich mit dem Lesen schwerer tun als andere, durch die Diagnose „Legasthenie“ zu Patienten gemacht werden, verlieren sie ihr Recht auf Lesen“, sagt
Britta Büchner, Lerntherapeutin und Leiterin des Projektes LegaKids.net. Sie übt anlässlich des Weltkindertages Kritik am praktizierten klinisch-medizinischen Fokus.

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Kritik an der „Leitlinie Legasthenie“

Vor kurzem veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie ihre “Leitlinie Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung”.
Während manche sich nun eine höhere Klarheit und Sicherheit bei Diagnose- und Förderkriterien erwarten, gibt es andererseits massive Kritik am Sinn und an der Ausrichtung dieser medizinisch orientierten Leitlinie. Hier einige Auszüge:

  • “Die in der Leitlinie vorgestellte Diagnostik schadet mehr, als sie hilft. Kinder, die zum Testzeitpunk nicht den Kriterien entsprechen, werden allein gelassen. Wir sollten vielmehr die individuellen Probleme beim Lesen und Rechtschreiben möglichst genau erfassen, um alle betroffenen Kinder angemessen fördern zu können.”(Prof. Renate Valtin)
  • “Eine medizinische Diagnose reduziert das Phänomen Lese- und Rechtschreib– Schwierigkeiten auf eine Krankheit oder Störung innerhalb des Kindes.”(Dr. Britta Büchner)
  • “Die in den Leitlinien medizinisch verstandenen ‘Störungen’ werden an verschiedenen Stellen unterschiedlich und damit unscharf definiert. Die Annahme einer solchen Untergruppe ist aber auch grundsätzlich problematisch.” (Prof. Hans Brügelmann)
  • “Einen Notenschutz und die Möglichkeit zu einer Förderung bei Lese- oder Rechtschreibschwierigkeiten bekommen nur Kinder, die eine auf einer Momentaufnahme beruhende ‘medizinische Diagnose” erhalten’.” (Dr. David Gerlach)

Im Interesse der betroffenen Kinder gilt es daher im Sinne einer pädagogischen Förderdiagnostik die individuellen Probleme und Ursachen beim Lesen und/oder Rechtschreiben zu erfassen und die Kinder entsprechend zu unterstützen und zu fördern. Dies leistet die “Leitlinie Legasthenie” nicht.

Lesen Sie bitte die ausführlichen Stellungnahmen:

Diktate machen keine Rechtschreiber!

Allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz geht in regelmäßigen Abständen der Aufschrei durch die Presse, dass an den ungenügenden Rechtschreibkompetenzen die fehlenden Diktate lägen. Gerade schwingt sich die FAZ mal wieder zum Verteidiger auf, erst mit einem Schreibwettbewerb, in dessen abgedruckten Text  bereits ein Fehler enthalten ist (FAZ 28.2.15, S.39) und in einem Leitartikel zum Thema (10.3.15,S.1) mit dem Titel “Rechtschreibung lehren!” Doch wie schrieb der Pädagoge Irmler bereits 1912: “Rechtschreiben durch Diktieren zu erlernen, ist ein vollendeter Unsinn, der seinesgleichen nicht hat. Diktieren als Methode heißt ja, vom Schüler verlangen, was er noch nicht hat, ihn systematisch demütigen. Wer einen Funken methodischen Denkens besitzt, wird sich dieses Mittels gewiß enthalten”.

Stattdessen sollten Kinder in vielfältigen Schreibsituationen dem Ziel der orthografischen Sicherheit beim selbstständigen Verfassen von Texten immer näher kommen und durch  gezieltes Üben von aktuellen Fehlerschwerpunkten Sicherheit entwickeln. Dazu kann vor allem auch die Arbeit mit einer eigenen Fehlerkartei helfen (siehe Material).

Weiterführende Informationen in Naegele,I.:Praxisbuch LRS.Beltz 2014, S.117 ff, Naegele,I.:Jedes Kind kann lesen und schreiben lernen, Beltz 2011

Auffällige Kinder – was tun?

In der U-Bahn, auf der Straße, im Unterricht, im Theater- überall fallen laute, unruhige Kinder auf, die ihre Umwelt nerven. Woran liegt das? Ist es die heutige Umwelt, Erziehungsmethoden oder sind die Ursachen in den Genen zu finden.

Hier zwei interessante Beiträge zur Eröffnung der Diskussion.

Wo die wilden Kerle wohnten
FAZ, 16.02.2012

Ritalin ist eine Pille gegen eine erfundene Krankheit, gegen die Krankheit, ein schwieriger Junge zu sein. Immer mehr Jungs bekommen die Diagnose. Die Pille macht sie glatt, gefügig, still und abhängig.

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Zu viele Erstklässler laufen in die ADHS-Falle
Die Welt, 21.10.2014

In sieben Jahren hat sich die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Kindern verdoppelt. Ein Großteil bekommt Psychopharmaka. Doch die Gefahr vorschneller Diagnosen ist für junge Erstklässler besonders hoch.

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