Eltern passt auf!

Es ist eine Schande, dass es in der neuerlichen Diskussion um fehlende Lehrkräfte in den Grundschulen nur um Zahlen und um voraussichtlich steigende finanzielle Belastungen der Länderministerien geht, nicht aber um die dringend notwendige Verbesserung der schuischen Infrastruktur sowie die Qualifizierung der in den Grundschulen tätigen Lehrkräfte. Allein die Idee, Gymnasiall- und Hauptschulehrkräfte oder gar Quereinsteiger für fit zu halten, Kindern den Einstieg in die Grundlagen des Lernens zu gewährleisten, ist pervers. Da langt auch nicht ein Kurzkurs! Bereits jetzt versagen viel zu viele Kinder, weil unser deutsches Schulsystem nicht in der Lage ist, den Anfangsunterricht in der Grundschule, also das Fundament der Bildung, inhaltlich und personell so zu verbessern, dass alle Kinder einen positiven Zugang erhalten. Eltern müssen wachsam sein und sich für die Verbesserung der Situation ihrer Kinder engagieren. Jetzt vor der Bundestagswahl ist ein guter Zeitpunkt, sich laut für einen verbesserten Anfangsunterricht einzusetzen!

Kann ein Hirn-Scan LRS vor Schulbeginn anzeigen?

Das Team von Legakids und alphaPROF hat sich mit dieser Nachricht im folgenden Kommentar kritisch auseinandergesetzt, der man in den letzten Wochen in zahlreichen Presseportalen und Veröffentlichungen begegnet ist. Es wird behauptet: Ein Hirn-Scan kann eine Lese-Rechtschreib-Schwäche zeigen, schon bevor ein Kind überhaupt lesen und schreiben lernt? Was verbirgt sich dahinter? Und was sind die Konsequenzen?

Ergebnisse klassifizieren LRS/”Legasthenie” nicht als Krankheit

Die beteiligten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig beschreiben ihre Befunde als eine Variation der plastischen Ausformung des Gehirns, die mit hoher Wahrscheinlichkeit einen genetischen Hintergrund habe. Diese Variation könne in der Folge zur Manifestation von Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten im Sinne einer “disorder” (also Schwäche oder Störung) beitragen.

Folgerungen aus den Ergebnissen

Die Forscher schlagen vor, alle Vorschulkinder einem MRT zu unterziehen, um so Kinder zu erkennen, die gefährdet seien. Damit, so meinen sie, könnten diese schon vor möglichen frustrierenden Erfahrungen in der Schulzeit gefördert und auf den Schuleintritt vorbereitet werden.

Gleichzeitig weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass ihre Ergebnisse allein LRS nicht erklären können, sondern nur in Ergänzung mit anderen Forschungsergebnissen sinnvoll seien. Um das Zustandekommen von LRS zu verstehen, müssten auch umgebende Variablen mit einfließen.

Kritische Überlegungen zum “Hirn-Scan”

Früherkennung klingt zunächst positiv, jedoch sollten auch mögliche negative Folgen einer solchen „Reihenuntersuchung“ berücksichtigt werden:

  • Das MRT des Gehirns ist eine aufwändige, belastende sowie kostenintensive Untersuchung.
  • Mit dem MRT würden nur bestimmte Kinder als “Risikokinder” erkannt. Andere Kinder, deren LRS nicht durch eine besondere Hirnstruktur bzw. -aktivität erklärt werden kann, könnten übersehen werden, da das Screening Eltern, Erzieher und Lehrkräfte in einer falschen Sicherheit wiegen würde.
  • Die Feststellung einer „abweichenden“ Hirnstruktur würde das Selbst- und Fremdbild der betroffenen Kinder negativ beeinflussen und könnte daher im Sinne einer „self-fulfilling prophecy“ wirken.

Fokus auf Bildungsstrukturen

Es stellt sich deshalb die Frage, ob Kosten und Aufwand für ein solches breit angelegtes medizinisches Screening sinnvoll sind.

Was könnten Maßnahmen sein, die wirklich allen Kindern nützen, die ein Risiko haben LRS zu entwickeln?

  • Kindergärten, in denen von gut ausgebildeten (und ebenso gut bezahlten) Erzieherinnen und Erziehern Sprachbewusstheit kompetent angebahnt wird.
  • Schulen, in denen Lehrkräfte mit solidem Wissen über die Hürden des Schriftspracherwerbs und die entsprechende Förderung arbeiten …
  • … und zwar in kleineren Klassen und – wo nötig – mit der Unterstützung spezialisierter Fachkräfte in der Schule.

Denn: Wie die Forscher auch selbst anmerken, reicht das Erkennen allein nicht aus. Aus der Praxis kennen wir zahlreiche Verläufe, in denen sich frustrierende Lernerfahrungen in einer generalisierten Misserfolgsorientierung verselbständigen. Dies führt zu Vermeidungsverhalten der Lernenden und behindert die betroffenen Kinder und Jugendlichen beim (richtigen) Lesen und Schreiben mindestens ebenso stark wie etwaige entwicklungsneurologische Besonderheiten, die Ursache der ersten frustrierenden Erfahrungen gewesen sein mögen.

Ergebnisse, Stichprobe und Aussagekraft bzw. -genauigkeit

Das Wissenschaftlerteam um Michael A. Skeide machte MRT-Aufnahmen der Gehirne von Kindern in den Klassen 4 bis 8 sowie von Kindern im Kindergarten bis Klasse 1. Sie entdeckten dabei, dass Kinder mit einer bestimmten Variante des Gens NRSN1 – einem Gen, das für die Entwicklung der Nervenzellen wichtig sei – strukturelle Unterschiede in einer Hirnregion aufwiesen, die als “Visual Word Form Area” (VWFA) bezeichnet werde. Dieser funktionale Bereich des Gehirns ist wahrscheinlich für das Erkennen bestimmter Objektformen wie auch von Buchstaben bzw. Wortbildern zuständig.

Die Stichprobe der Untersuchung war dabei mit 141 Kindern relativ klein, wie die Forscher selbst anmerken (vgl. Skeide et al., 2016). In der Gruppe der Vorschulkinder, die bis zum Ende der 1. Klasse begleitet wurden, befanden sich sogar nur 20 Kinder. Die “Trefferquote” der MRT-Untersuchung lag bei 75 %, d.h. es gab auch Kinder mit einer auffälligen Ausformung der untersuchten Gehirnareale, die am Ende der 1. Klasse keine LRS aufwiesen. Bzw. gibt es eben auch Kinder, deren MRT nicht die untersuchte Besonderheit aufweist, die dennoch LRS entwickeln.

Schlussbemerkung

Es ist immer wieder frustrierend zu erleben, welchen Anklang und Nachhall Meldungen aus dem medizinischen Bereich bzgl. LRS/Legasthenie erzeugen. Sie wirken in ihrer Schlichtheit auf Anhieb einleuchtend, erhellend oder sogar bahnbrechend. Dass sich daraus keinerlei Konsequenzen für die Förderung der betroffenen Kinder, ihre psychische Gesundheit und ihren Bildungsweg ergeben, wird selten deutlich.

Meldungen zu guten pädagogischen Fördermethoden oder zu längst überfälligen Verbesserungen im Bildungssystem wie etwa kleineren Klassen, besser ausgebildeten Lehrkräften und der Einbindung des Know-Hows außerschulischer Förderkräfte (deren Effektivität im übrigen seit Jahrzehnten durch zahlreiche Untersuchungen belegt ist), erzeugen dagegen keinerlei mediales Echo.

Leseschwäche ist kein genetischer, sondern gesellschaftlicher Defekt

Presseerklärung der LegaKIds-Stiftung zum Weltkindertag der Vereinten Nationen

– Wer nicht oder nur schlecht lesen kann, bleibt in unserer Gesellschaft vom Leben weitgehend ausgeschlossen. Alle Arten an Informationen werden schriftlich vermittelt – Wissen ebenso wie Unterhaltsames, die Inhaltsstoffe auf Lebensmittelverpackungen oder die Nebenwirkungen von Medikamenten auf Beipackzetteln. Deshalb ist es unumgänglich, dass Kinder, die sich mit dem Lesen und Schreiben schwer tun, gefördert werden. „Wenn aber Kinder, die sich mit dem Lesen schwerer tun als andere, durch die Diagnose „Legasthenie“ zu Patienten gemacht werden, verlieren sie ihr Recht auf Lesen“, sagt
Britta Büchner, Lerntherapeutin und Leiterin des Projektes LegaKids.net. Sie übt anlässlich des Weltkindertages Kritik am praktizierten klinisch-medizinischen Fokus.

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Hilfen für Kinder mit LRS – am Beispiel des Materials „Das schaffe ich“

Im folgenden Artikel von Renate Valtin, Ingrid Naegele und Ada Sasse, den Herausgeberinnen von „Das schaffe ich!“, wird ihr wissenschaftlicher Standort zum Komplex Lese-Rechtschreibschwierigkeiten sowie die Konzeption des Materials, einschließlich praktischer Beispiele ausführlich dargestellt.

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Sechs Ärgernisse für schwache Rechtschreiber

Im Baseler Kunstmuseum hängen zwei gleich lautende, jedoch in unterschiedlicher Orthografie von den Brüdern Ambrosius und Hans Holbein geschnitzte und illustrierte „Aushängeschilder eines Schulmeisters“ aus dem Jahr 1516. Dieser ist sich der Qualität seines Schreib- und Leseunterrichts so sicher, dass er damit wirbt, bei Erfolglosigkeit seiner Methode auf seinen Lohn zu verzichten.

Die Tafelbilder zeigen unterschiedliche Lernsituationen, die wohl sein Vorgehen demonstrieren sollen: Kleingruppen- und Einzelunterricht, Abschreibübungen sitzend und stehend, emotionale Nähe zwischen Lehrerin und Kleinkind, Strenge gegenüber einem übenden Knaben – Lernsituationen, die auch heutigen Kindern gut tun.

Sehen Sie sich den ganzen Artikel als PDF-Datei an:

Sechs-Ärgernisse-für-schwache-Rechtschreiber

Der Knoten platzt nie – von allein // Für einen differenzierten Schulanfang

Ingrid M. Naegele und Klaus R. Zimmermann (Grundschulunterricht H. 5/2002)

Fall 1: Einschulung: Strahlende Gesichter bei den Schulanfängern, in denen Neugier, Freude und Stolz, bei manchen aber auch Angst vor dem Neuen zu erkennen ist, erwartungsvolle Blicke der Eltern und Verwandten, die auf den Erfolg ihres Sprösslings im neuen Lebensabschnitt hoffen.

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Stellungnahme der DGLS zum Problem von LRS/Legasthenie

Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben e.V.
Sektion der International Reading Association (IRA)

Die Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben verweist auf folgende Missstände in unserem Schulsystem:

  • Jährlich verlässt fast ein Viertel der Jugendlichen die Schule mit nur elementaren Kompetenzen im Lesen und in der Rechtschreibung und mit einer nur geringen Motivation, freiwillig zu einem Buch zu greifen. Jährlich scheitern Tausende von Kindern im Anfangsunterricht an der Aufgabe, lesen und schreiben zu lernen. Die Schule ist offenbar überfordert, Schüler und Schülerinnen wirksam in Bezugin bezug auf diese wichtige Schlüsselqualifikation zu fördern, deren Beherrschung ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben sichert.
  • Bis heute sind die Grundsätze der Kultusministerkonferenz zur Förderung von Kindern mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten nicht realisiert. Die KMK hat schon 1978, dann wieder 2003 gefordert, dass alle Kinder in der Schule ein Recht auf Förderung haben. Voraussetzung dafür sei ein guter Erstunterrichts im Lesen und Schreiben und die gründliche Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte in Bezug auf die Didaktik und Methodik des Erstlese- und Erstschreibunterrichts, die Diagnosefähigkeit, die Ableitung von Förderschwerpunkten und die Erarbeitung von Förderplänen.
  • Statt alle Kinder zu fördern und die Grundsätze der KMK zu realisieren, ist gegenwärtig zu beobachten, dass in den Bundesländen jeweils unterschiedliche Gruppen von Kindern definiert werden, die Anspruch auf besondere Förderung in der Schule haben. Nur diese jeweils landesspezifisch definierte Gruppe wird in den Genuss unterschiedlicher Fördermaßnahmen und Erleichterungen kommen, die sie vor den Auswirkungen der Selektionsmechanismen der deutschen Schule schützt. Zu befürchten ist, dass sich diese Tendenzen im Zuge der Föderalismusreform verstärken. Damit wird gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung verstoßen.

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